Vitamin D

Vitamin D - Bericht aus der Praxis


von Dr. med Susanna M. Wasner

Vitamin D ist eigentlich gar kein Vitamin, sondern kann vom Körper über die Haut mit Hilfe von UV-Strahlen selbst synthetisiert werden und wird deshalb korrekterweise als Prohormon klassifiziert. Der Einsatz von Vitamin D in Prophylaxe und Therapie wird in der Ärzteschaft jedoch immer noch kontrovers diskutiert.

Ein Aufzählen der vielfachen Wirkung von Vitamin D erscheint mir an dieser Stelle überflüssig. Stattdessen gehe ich auf meine persönliche Erfahrung mit diesem ungefährlichen, günstigen und extrem effektiven Heilmittel ein.

Mir selbst war Vitamin D nur als Knochenhormon aus meinem Studium erinnerlich. Dass letztlich alle Organe unseres Körpers Vitamin D-Rezeptoren besitzen, habe ich erst erfahren, als ich vor einigen Jahren begann mich vermehrt mit dem Hormonsystem des Menschen zu befassen.

Öltropfen
Seitdem messe ich bei all meinen Patienten die Vitamin D-Spiegel, sowohl bei den Gesunden, die nur zum Check-up kommen, als auch bei den Kranken und stelle dabei Folgendes fest:

  • Laut Labor ausreichende Spiegel von über 30 ng/ml sind auch bei den Gesunden, die nur zur Vorsorge kommen, die absolute Ausnahme. Bei allen nicht-substituierten chronisch Kranken finden sich meist sehr niedrige Werte, zwischen 10 und 20 ng/ml, häufig auch unter 10 ng/ml und vereinzelt sehen wir auch immer wieder Patienten mit nicht mehr nachweisbaren Vitamin-D-Spiegeln!
  • Besonders Patienten mit Autoimmunerkrankungen, neurologischen Erkrankungen, Erschöpfungszuständen und Depressionen, haben in der Regel sehr niedrige Spiegel.
  • Zu den besonders gefährdeten Patienten zählen auch alte und stark pigmentierte Menschen.

Als absolute Kontraindikation für eine hochdosierte Vitamin D-Substitution ist die extrem seltene idiopathische Hyperkalzämie und Hyperkalziurie zu nennen. Bei Nierensteinanamnese, Niereninsuffizienz und Sarkoidose sollte vorsichtig und unter Kontrolle des Plasmacalciumspiegels aufdosiert werden.

Grundsätzlich stelle ich gesunde Menschen auf Werte zwischen 40 und 60 ng/ml ein, chronisch Kranke auch höher, zwischen 60 und 80 ng/ml.
 
Dabei berechne ich die Aufdosierungsdosis wie folgt:

  Gewünschter Anstieg   x   Körpergewicht   x   140
 

Beispiel: 40 ng/ml x 75 kg x 140 = 420.000 IE; d.h. der Patient braucht 420.000 IE um auf den gewünschten Spiegel zu kommen.

Diese Dosis verteile ich dann auf eine Woche. Also würde der Patient in diesem Fall täglich 60.000 IE Vitamin D für 7 Tage bekommen. Dies entspricht täglich 3 Dekristol 20.000 IE oder 12 Tropfen Vitamin D-Öl 5.000 IE für 7 Tage.

Ganz wichtig ist es, dem Patienten dann klar zu machen, dass er eine ausreichende Erhaltungsdosis weiterführen muss, da sonst der Spiegel wieder abfällt!

Die Erhaltungsdosis berechne ich wie folgt:

  60 IE x kg Körpergewicht als tägliche Dosis in Form von Öltropfen
 

Beispiel: 60 IE x 75 = 4.500 IE täglich; d.h. der Patient bekäme täglich 4.500 IE als tägliche Erhaltungsdosis.

Vitamin D sollte grundsätzlich in Ölform und zu einer fetthaltigen Mahlzeit eingenommen werden, damit es richtig resorbiert werden kann. Nach 4 bis 6 Wochen messe ich den Vitamin D-Spiegel zur Kontrolle nach und passe gegebenenfalls die Dosierung an.

Alle bekannten Enzyme im Vitamin D-Stoffwechsel brauchen Magnesium. Da Magnesiummangel weit verbreitet ist, gebe ich allen Patienten grundsätzlich auch täglich Magnesium. Ich empfehle eine relativ hohe tägliche Magnesiummenge (600 mg und mehr, je nach der individuellen Verträglichkeit der Patienten) möglichst über den ganzen Tag verteilt.

Mit dieser Vorgehensweise arbeite ich seit Jahren ohne jegliche unerwünschten Nebenwirkungen. Auch eine immer wieder beschriebene mögliche Erhöhung des Calciumspiegels im Blut durch hochdosierte Vitamin D-Gaben, ist mir noch bei keinem einzigen Patienten untergekommen.

Dagegen berichten mir fast alle Patienten von mehr Energie, besserer Stimmung, weniger Infekten, Rückgang von Allergien, Verschwinden von Krämpfen …

Mit meinen vielen chronisch-erschöpften und depressiven Patienten einige ich mich in der Regel darauf, zunächst das Vitamin D und eventuell andere fehlende Mikronährstoffe zu substituieren und dann zu schauen, was von der Symptomatik noch bleibt.
Und nicht selten bleibt dann nicht mehr viel zu tun.

Ein besonders kurioses Fallbeispiel, das ich vor kurzem in der Sprechstunde erlebte:

Eine Zahnarzthelferin einer benachbarten Praxis, 22 Jahre, berichtete von Parästhesien, die sich von der rechten Kopfhälfte über die Schulter bis in die rechte Hand zögen. Die Beschwerden bestünden seit 1 Woche. Ihr Arbeitgeber hätte sie sofort zum Neurologen geschickt, der wiederum sofort ein MRT veranlasste. Resultat: vollkommen unauffällig. Wir führten ein Labor, wie immer mit der Bestimmung des Vitamin D-Spiegels durch und erhielten einen Wert von < 4 ng/ml. Nach oben genannten Schema wurde die Patientin aufdosiert und berichtete bereits nach 3 Tagen von einer deutlichen Besserung der Symptomatik. Nach 1 Woche hochdosierter Vitamin D-Therapie war sie komplett beschwerdefrei und gab an, sich insgesamt viel fitter zu fühlen.

Immer wieder erlebe ich es, dass Patienten verstört vom Endokrinologen oder Rheumatologen kommen, wo man ihnen geraten habe, die Vitamin-D-Substitution auf 1000 IE (1 Vigantolette täglich) zu reduzieren.

Eine Klinik, die sich auf Burnout-Patienten spezialisiert hat, schreibt mir regelmäßig in den Entlassungsberichten, dass das Vitamin D jetzt abgesetzt werden könne, da der Spiegel im Normbereich sei.

Als Allgemeinmediziner gegen die Meinung von Spezialisten anzuhalten, ist manchmal sehr anstrengend und zeitintensiv.

Eine ungefährliche Substituierung eines Vitalstoffes, die sowohl der Behandlung als auch der Prophylaxe eines so breiten Spektrums von Symptomen und Erkrankungen dient, zu unterlassen, wäre bei heutigem Wissensstand meines Erachtens aber grob fahrlässig.



Autorin

Dr. Susanna M. Wasner

Dr. Susanna Wasner

Praxisgemeinschaft für Allgemeinmedizin und Betriebsmedizin
Dr. Dohrenbusch und Kollegen
Kaufingerstr. 10
80331 München